Ein Porträt des Neids (Ovid)

Vorgeschichte: Die Schwestern Aglauros und Herse haben ein Versprechen, das sie der Göttin Minerva gaben gebrochen, daher möchte sich Minerva an ihnen rächen. Eine Gelegenheit ergibt sich, als der Götterbote Merkus sich in Herse verliebt und Aglauros bittet, die Kupplerin zu spielen. Minerva besucht daraufhin die personalisierte Missgunst (Invidia: Neid, Missgunst, Eifersucht) und trägt ihr auf, Aglauros mit ihrem Gift zu infizieren. 

Neid ist eines der unangenehmsten Gefühle. Zwar motiviert er einen in geringen Dosen auch mal zu neuen Leistungen, wächst er aber zu einem ausgewachsenen Gefühl heran, hindert er einen am Leben, demotiviert oder motiviert zu destruktiven und aggressiven Taten und wo immer er ist, kann kein Gefühl der Dankbarkeit und des Glücks sein. Lebenszeit, in der man von Neid erfüllt ist, ist schlechte Lebenszeit, ist kaum lebenswerte Lebenszeit. Und eben als lebensfeindlich und erbärmlich, als das absolute Antivorbild, wird der Neid (die Missgunst) in Ovids Metamorphosen beschrieben:

Sie lebt in einem eiskalten und stockdusteren Haus, in dem alles fault und stinkt, isst Schlangen, schläft nie, da sie stets von Sorgen geplagt wird und ist abscheulich anzusehen: Schwarze Zähne, eine von Galle grüne Brust, schielender Blick. Dazu muss gesagt sein, dass livere im Lateinischen, nicht nur „schwarz sein“ bedeutet, sondern auch missgünstig sein, in der Beschreibung der Zähne schwingt also auch schon ihr Charakter mit, sowie auch in der der grünen Brust, denn die Wörter Bitterkeit, Gehässigkeit und Galle sind im Lateinischen ein und dasselbe Wort.

Ihre Perversität besteht darin, dass sie nur lacht, wenn sie sieht, dass es anderen schlecht geht, dagegen kann sie ihre Tränen kaum zurückhalten, wenn sie „nichts beweinenswertes“ sehen kann. Wo sie hintritt, stirbt die Natur um sie herum. Als sie Agglauros ihr Gift einflößt, lässt sie das Glück der beneideten Herse noch viel größer erscheinen, als es tatsächlich ist. Und das Gift bewirkt im Körper bzw. in der Seele noch nicht einmal lodernde Flammen, sondern einen stinkenden, langsamen Schwelbrand.

Wie oft in der antiken Literatur wird ein starkes Gefühl personalisiert. Es wird also nicht als Teil der Persönlichkeit gesehen, sondern als eine eigene handelnde Person mit eigenem Charakter, was ich insofern immer wieder erfrischend finde, weil es dabei hilft, ein Gefühl unzensiert vom eigenen Scham wahrzunehmen und zu beschreiben. Und was ist das nicht für ein wunderschön abscheuliches Bild der Missgunst, was Ovid hier abliefert:

 

 

 

 

Deutsche Übersetzung

Sogleich geht sie (Minerva, die sich an Aglauros rächen will) zum von schwarzer Fäulnis vollen Haus der Missgunst (Invidia = Personifizierung des Neids, des Missgunstes). Ihr Haus steht versteckt im untersten Tal, abseits jedes Sonnenstrahls, unzugänglich für jeden Wind, trist und völlig eingehüllt in eine lähmende Kälte und weil es dort nie ein Feuer gibt, herrscht in ihm ewige Dunkelheit.

Als die im Krieg gefürchtete Heldin dort ankommt, bleibt sie vor dem Haus stehen (denn sie hat nicht das Recht, das Haus zu betreten) und schlägt mit der Speerspitze an die Türpfosten. Die noch bebende Tür öffnet sich. Drinnen sieht sie die Schlangenfleisch, das Nahrungsmittel ihrer Sünden, essende Missgunst und als die Missgunst sie anblickte, wandte sie ihre Augen ab. Jene aber stand vom fauligen Boden auf und ging weg von den halb verzehrten Schlangenkörpern und kam mit steifen Schritten auf sie zu.

Als sie die mit ihrer Schönheit und Waffen geschmückte Göttin sieht, seufzt sie und verzerrt dabei das Gesicht. Ihr Gesicht ist blass und ihr Körper mager. Ihr Blick ist schief, die Zähne sind schwarz von Karies, die Brust grün von Galle, die Zunge ist durchtränkt mit Gift. Kein Lachen ist da, außer eines das dadurch angeregt wird, dass sie Schmerzen gesehen hat. Auch schläft sie nicht, wachgehalten von den nie ruhenden Sorgen, sondern beobachtet den unverdienten Erfolg der Menschen und verzehrt sich beim Zuschauen und zerreißt sie und zerreißt sich damit selbst und ist sich ihre eigene Bestrafung.

Obwohl sie sie verabscheut, sprach Minerva sie dennoch kurz mit diesen Worten an:

„Infiziere mit deiner Fäulnis eine der Kekropstöchter! So muss es sein. Auglauros heißt sie. “

Ohne mehr zu sprechen geht sie schnell weg und stieß die Erde mit dem Aufstoßen der Lanze. Jene murmelte leise während sie der weggehenden Göttin schielend hinterher sah und ärgerte sich über das, was Minerva davon erreichen würde und nahm ihren Stock, der von Dornen umrankt war, und umhüllt von schwarzen Wolken, zertritt sie blühende Äcker, wo sie auch hingeht, und versengt die Gräser und pflückt die obersten Spitzen ab und verpestet mit ihrem Atem Völer und Städte und Häuser und endlich erblickt sie Athen, die Stadt, die dank ihrer Denker und durch ihre Macht und den feierlichen Frieden floriert und sie kann kaum ihre Tränen zurückhalten, weil sie nichts beweinenswertes sieht. Aber nachdem sie das Schlafzimmer der Kekropstochter betreten hat, führt sie den Befehl aus und berührt mit ihrer in schwarze Farbe getauchten Hand deren Brust und füllt ihr Herz mit stacheligen Dornen und haucht ihr den schädlichen Schleim ein und verteilt das schwarze Gift in ihren Knochen und mitten in der Lunge. Und damit die Gründe des Bösen nicht durch den weiten Raum irren, stellt sie die Schwester vor ihre Augen und die glückliche Ehe ihrer Schwester Herse und ein schönes Bild des Gottes und sie macht alles noch prachtvoller. Dadurch in Aufregung versetzt, nagt ein verborgener Schmerz an ihr und seufzt ängstlich bei Nacht und ängstlich bei Tag und die Ärmste vergeht an der zähen faulen Flüssigkeit, wie auch das Eis vergeht durch die wechselhafte Sonne, und nicht weniger brennt es in ihr wegen des Glücks der begünstigten Herse, als wie wenn man Feuer an dorniges Gestrüpp legt, das nicht in Flammen auflodert, sondern mit dickem Qualm verkokelt.

 

Lateinischer Originaltext (Ovid, Metamorphosen, 2. Buch)

protinus Invidiae nigro squalentia tabo               760
tecta petit: domus est imis in vallibus huius
abdita, sole carens, non ulli pervia vento,
tristis et ignavi plenissima frigoris et quae
igne vacet semper, caligine semper abundet.
huc ubi pervenit belli metuenda virago,                765
constitit ante domum (neque enim succedere tectis
fas habet) et postes extrema cuspide pulsat.
concussae patuere fores. videt intus edentem
vipereas carnes, vitiorum alimenta suorum,
Invidiam visaque oculos avertit; at illa               770
surgit humo pigre semesarumque relinquit
corpora serpentum passuque incedit inerti.
utque deam vidit formaque armisque decoram,
ingemuit vultumque una ac suspiria duxit.
pallor in ore sedet, macies in corpore toto.               775
nusquam recta acies, livent robigine dentes,
pectora felle virent, lingua est suffusa veneno;
risus abest, nisi quem visi movere dolores;
nec fruitur somno, vigilantibus excita curis,
sed videt ingratos intabescitque videndo               780
successus hominum carpitque et carpitur una
suppliciumque suum est. quamvis tamen oderat illam,
talibus adfata est breviter Tritonia dictis:
‚infice tabe tua natarum Cecropis unam:
sic opus est. Aglauros ea est.‘ haud plura locuta               785
fugit et inpressa tellurem reppulit hasta.
Illa deam obliquo fugientem lumine cernens
murmura parva dedit successurumque Minervae
indoluit baculumque capit, quod spinea totum
vincula cingebant, adopertaque nubibus atris,               790
quacumque ingreditur, florentia proterit arva
exuritque herbas et summa cacumina carpit
adflatuque suo populos urbesque domosque
polluit et tandem Tritonida conspicit arcem
ingeniis opibusque et festa pace virentem               795
vixque tenet lacrimas, quia nil lacrimabile cernit.
sed postquam thalamos intravit Cecrope natae,
iussa facit pectusque manu ferrugine tincta
tangit et hamatis praecordia sentibus inplet
inspiratque nocens virus piceumque per ossa               800
dissipat et medio spargit pulmone venenum,
neve mali causae spatium per latius errent,
germanam ante oculos fortunatumque sororis
coniugium pulchraque deum sub imagine ponit
cunctaque magna facit; quibus inritata dolore               805
Cecropis occulto mordetur et anxia nocte
anxia luce gemit lentaque miserrima tabe
liquitur, et glacies incerto saucia sole,
felicisque bonis non lenius uritur Herses,
quam cum spinosis ignis supponitur herbis,               810
quae neque dant flammas lentoque vapore cremantur.